Autoland China: Der Verkehr

Autoland China: Der Verkehr

Die Lücke ist das Ziel

Einst größte Radfahrernation, jetzt größter Automarkt. Chinas Verkehr macht einen rasanten Wandel durch. Wer nicht aufpasst, kommt unter die Räder.

 

Tempo 100 auf zweispurigen Autobahnen, Tempo 120 auf dreispurigen. 80 km/h auf Landstraßen, 60 km/h in der Stadt. 0,0 Promille überall. Eigentlich ganz einfach, das Regelwerk für Chinas Straßen.

Alles Weitere scheint der persönlichen Abwägung überlassen: Busse wenden auf vierspurigen Straßen in stockdunkler Nacht, Wasserbüffel über Schnellstraßen treiben und Holzkarren über achtspurige Ausfallstraßen ziehen?

Geht alles – weil es eben geht, und sich die Polizei demonstrativ nicht schert. Staatsgewalt? Gibt es offenbar nur, wenn es um Politik geht. Ausfahrt verpasst auf einer der Vorzeige-Schnellstraßen? Macht nichts, einfach zurücksetzen, die anderen sehen einen ja. 100 Hühner in Körben auf einem Moped stapeln? Nur zu, die Leute haben schließlich Hunger.

 

 
 

Schilder mit rührenden Warnhinweisen

Ockergelbe Schilder mit naiver Symbolik warnen alle naslang auf den Highways in geradezu rührender Manier. „Do not drive tiredly“ – „nicht müde Auto fahren“, ermahnt eines der populärsten. Mit weit aufgerissenem Mund gähnt ein Strichmännchen, die Augen bereits geschlossen, dazu sprechblaseln Schnarchlaute („Z Z Z“) übers Panneau.

Immerhin: Der fürsorgliche Rat steht auch in englischer Sprache auf dem Blechschild. Auf diesem und auf nahezu allen anderen amtlichen Hinweistafeln im Großraum der mehr als 200 Millionenstädte, die es in China gibt. Touristen dürfen mittlerweile selber fahren –temporärer chinesischer Führerschein (und Durchhaltevermögen beim Beantragen) vorausgesetzt.

China ist das Autowunderland schlechthin. Allein in Peking mit seinen fast 20 Millionen Einwohnern sollen mehr als fünf Millionen Pkw registriert sein. Für Nachschub ist gesorgt: 14,5 Millionen Autos wurden 2011 in der Volksrepublik produziert. Im ersten Halbjahr 2012 gab es 7,6 Millionen Neuanmeldungen.

Freie Fahrt fürs Milliardenvolk

Freie Fahrt für alle 1,34 Milliarden Chinesen scheint die Parole zu lauten. Wo der Treibstoff dafür herkommen soll, weiß der Liebe Gott allein. Gezapft wird er auf teils grotesk überdimensionierten Arealen. Selbst Tankstellen mit nur vier Säulen haben nicht selten die Ausdehnung von drei bis vier Fußballfedern.

10- bis 12-spurige Straßen teilen die großen Städte. Wie viele Fahrspuren es auch sein mögen, der Chinese verdoppelt sie. Jede freie Lücke wird genutzt. Von Autos, Bussen, Lkw, Traktoren, Dreirädern, Krädern, Elektro-Scootern, Fahrrädern, Ochsenkarren, Lastenträgern.

Das Irrwitzige daran: Es funktioniert, irgendwie. Statt zu blinken, wird mit einem leichten Schlenker angedeutet, wo es hingehen soll. Hupt dann keiner, biegt man ab. Überholt wird grundsätzlich, wo Platz ist. Links oder rechts, das ist in China laut Verkehrsordnung tatsächlich egal. Und sorgt für eine gewisse Dynamik, immerhin.

Zu viel Stillstand, zu viel Irrsinn

In den Neuwagen sitzen nicht selten Fahranfänger am Steuer. Vorbereitet auf das, was sie auf den Straßen der Metropolen erwartet, werden sie gern vor den Toren der Stadt oder auf abgesperrten Trainingsparcours. Dort, wo die Verkehrsdichte einigermaßen übersichtlich ist.

City-Fahrstunden nach europäischem Vorbild machen kaum Sinn – zu viel Stillstand, zu viel Irrsinn. Werden die Novizen dann mit staatlicher Erlaubnis auf den öffentlichen Verkehr losgelassen, scheint Interpretation das Maß der Dinge, das Mittel der Wahl, der einfachste Weg zu sein.

Neuwagen hoppeln, völlig normal

Damit Fahranfänger oder wenig talentierte, aber wohlhabende Zeitgenossen nach chinesischen Maßstäben nicht „ihr Gesicht verlieren“, wenn sie mit ihren Neuwagen anfangs durch den Verkehr hoppeln oder wie auch immer gelagerte Probleme haben, greifen Autoverkäufer gern zu kleinen, charmanten Tricks.

Sie erzählen ihren Kunden zum Beispiel, es sei völlig normal, dass Neuwagen anfangs etwas hüpfen. Sie müssten halt erst eingefahren werden. Tücke der Technik, nicht Unvermögen des Fahrers, das ist wichtig.

Autos sind Statussymbole in der Volksrepublik. Je länger und teurer, desto besser. Ein Auto zu besitzen, erst recht ein deutsches Fabrikat wie Audi oder VW, die seit einem Vierteljahrhundert in China Flagge zeigen, das bedeutet Wohlstand, Freiheit und Individualität. Geradezu revolutionäre Werte in einem kommunistischen Land.

Massiver Ausbau der Verkehrswege

Ab 2020 sollen alle Städte mit mehr als 200.000 Einwohnern an das Autobahnnetz angeschlossen sein. Im Osten Chinas soll die Fahrtzeit zu den Anschlussstellen maximal eine halbe Stunde betragen, in Zentralchina höchstens eine Stunde und im Westen nicht mehr als zwei Stunden.

Einen Teil der Kosten des gigantischen Bauvorhabens sollen Mautgebühren in die Staatskassen spülen. Nach französischem Vorbild entrichten die Autofahrer an riesigen Péage-Stationen ihren Obolus für den Aufbau Fernost.

7-9-18 lautet die Formel des Nationalplans für freie Fahrt im viertgrößten Land der Erde: Sieben Autobahnen gehen von der Hauptstadt Beijing (Peking) strahlenförmig ins Land, neun verlaufen in Nord-Süd-Richtung, 18 in Ost-West-Richtung.

85.000 Kilometer soll das Autobahnnetz im Jahr 2020 umfassen. Damit wäre das National Trunk Highway System (bislang rund 45.400 km) das längste der Welt – und sieben Mal so lang wie das deutsche BAB-Netz. Ein weiterer Superlativ im Automobilwunderland.

Text: Ralf Bielefeldt