mobile.de: Mitsubishi i-MiEV

Test: Mitsubishi i-MiEV

Summ, summ, summ

Der Unterschied zwischen Elektro- und Verbrennungsmotor? Kaum wahrnehmbar. Das E-Wägelchen fährt geschmeidiger, ist leiser und braucht Pausen, um sich zu erfrischen. Lange Pausen.

7. September 2011

"Der summt ja!" Der sechsjährige Lorenz hat es auf den Punkt gebracht: Der wesentliche Unterschied zwischen Elektro- und Verbrennungsmotor besteht im Anfahrgeräusch.

Jedes Kind versteht, was ein Elektroauto ist. Und es macht deutlich: Ein Fahrzeug, das mit Strom fährt, ist kaum anders als eines mit Benzin- oder Dieselmotor.

Vor allem ein so unauffälliges wie der Mitsubishi i-MiEV. Von außen wie innen sieht er genau so aus wie ein x-beliebiger Kleinwagen mit vier Sitzen und einem richtigen Gepäckraum.

Darunter schlägt das stromgetriebene Herz, was den i-MiEV – zumindest im Stadtverkehr – leiser macht. Die Revolution ist der kleinen Kugel jedenfalls nicht anzusehen: Es handelt sich um das erste Großserien-Elektroauto der Welt.

Der Supersportwagen Tesla Roadster, den mobile.de im vergangenen Sommer testete, brachte es auf eine Stückzahl von gerade einmal 1.650 Autos. Der i-MiEV soll bis 2013 mehr als 30.000 mal gebaut werden.

Bis dahin ist vielleicht auch das Betankungsproblem für Stadtmenschen gelöst: Wer ein Mehrfamilienhaus mit breitem Trottoir davor bewohnt, muss mindestens ein ziemlich langes Verlängerungskabel kaufen. Und nachts hoffen, dass niemand mit einer großen Heckenschere vorbeischlendert.

Die Suche nach einer Steckdose führt zum Hausmeister

Besser sieht es da schon am mobile.de Standort Dreilinden aus. Ringsum ist alles von Wald umgeben. Gibt es einen schöneren Parkplatz für ein "grünes" Auto?

Nur mit Steckdosen verhält es sich ähnlich wie in der Großstadt. Ein Anruf beim Hausmeister soll Klarheit bringen: "Was wollen Sie?" Eine Außensteckdose, um mein Auto anzuschließen. Lange Pause am anderen Ende der Leitung.

"Moment, ich rufe zurück." Das Interesse der Herrschaften ist geweckt: Sie kommen zu dritt, bringen ein ellenlanges Kabel mit und mustern den kugeligen i-MiEV mit argwöhnischem Gesichtsausdruck.

"Wie lange wollen Sie den denn dranlassen?" Am liebsten so lange, bis er voll ist. "Aber wir sind nur bis 16 Uhr hier." So ähnlich muss sich Berta Benz gefühlt haben, als sie seinerzeit beim Apotheker Benzin kaufen ging.

Nach viereinhalb Stunden ist der i-MiEV wieder voll

Für Selbstbedienung ist ein Elektroauto vorläufig einfach noch zu exotisch; selbst in der Tiefgarage vom Standort gibt es keine einzige freie Steckdose.

Dafür trifft man überall auf beeindruckende Hilfsbereitschaft: Kabel werden geliehen, sonst hermetische verriegelte Türen aufgeschlossen und Dienstvorschriften bedenkenlos verletzt.

Zum Glück ist der i-MiEV um 16 Uhr tatsächlich schon voll. Nach etwa viereinhalb Stunden am Netz zeigt die Akku-Kontrolle wieder 120 Kilometer Reichweite an.

Also Einsteigen und los. Bis Tempo 80 verbraucht der Elektrowagen sichtlich wenig Energie, erst darüber nimmt der Windwiderstand erheblich zu, was die Reichweiten-Anzeige mit einem schnellen Ausdünnen quittiert.

Nur 67 PS, und doch fühlt sich das Auto flott an

Auch flottes Beschleunigen kostet unverhältnismäßig viel Energie – macht aber Spaß. Die kleine Kugel geht zwar nicht so rasant ab wie der Tesla Roadster 2.5, doch im Vergleich zu einem x-beliebigen Kleinwagen hebt sich der E-Motor deutlich ab.

Dabei hat er nur 67 PS. Doch es gibt kein Getriebe zwischen Maschine und Straße, und im Gegensatz zum Verbrennungsmotor hindert auch keine Kurbelwelle an der Kraftentfaltung.

Das volle Drehmoment steht sofort und ununterbrochen zur Verfügung. Bis Tempo 135; dann schneidet der Motor elektronisch die Kraftzufuhr ab.

Der i-MiEV könnte sicher noch schneller; aber dann wäre der Akku vorzeitig kaputt. Eine Tiefenentladung soll unbedingt vermieden werden, und so reicht eine Batterie-Fuhre auch maximal 120 Kilometer weit.

Hat Mitsubishi das Perpetuum Mobile erfunden?

Über die Anzeige im Cockpit wird der Fahrer ständig darüber informiert, wie weit das Auto noch kommt. Das ist so spannend, dass man sich oft mit Gewalt davon losreißen muss, um auch mal wieder auf die Straße zu schauen.

Und mitunter sind die Prognosen überraschend: Am nächsten Morgen meldet die Anzeige beim Losfahren eine Reichweite von 91 Kilometern. Prima, nichts wie los.

Nach fünf Kilometern Stadtverkehr meldet die Anzeige: 96 Kilometer Reichweite. Wie das? Sollte durch die Bremsenergie-Rückgewinnung an jeder Ampel so viel Strom gewonnen worden sein, dass der Akku voller ist als beim Start? Das wäre das Perpetuum Mobile – Glückwunsch, Mitsubishi!

Reichweiten-Prognose errechnet sich aus der unmittelbaren Vergangenheit

Die Wahrheit ist dann doch weniger spektakulär: "Die Reichweiten-Prognose", erklärt Mitsubishi-Händler Guido Riemann, "wird aus der unmittelbaren Vergangenheit errechnet."

Heißt: Der Bordrechner kann nur vorausberechnen, was er aus den Fahrdaten der Vergangenheit gelernt hat. Er weiß natürlich nicht, wo das Auto in wenigen Minuten fährt, ob es auf einer Autobahn stark beschleunigt oder kurz darauf abgestellt wird.

Und tatsächlich funktioniert das Perpetuum Mobile alias i-MiEV auch nur bis zur Stadtautobahn. Danach sinkt die Akkukapazität erwartungsgemäß rapide ab. Trotzdem: Ein nettes Spielzeug, so ein Elektroauto!

Text: Roland Wildberg