Biogas

Gibt es bereits: Biogas als Autoantrieb

Treibstoff aus dem Hofladen

Landwirte sind die Ölscheichs von morgen: Neben Mais, Milch und Mehrkornbrot werden sie bald auch Biogas für Autos produzieren. Dieser Bauer in Niedersachsen macht es schon.

15. November 2011
 
 

 

Dannenberg im östlichen Niedersachsen ist eine ruhige Ecke. Wenn nicht gerade ein Castor-Behälter auf dem Weg ins benachbarte Gorleben vorbeikommt und Zehntausende Demonstranten mobilisiert, bleibt die Natur hier ganz für sich.

Aber ob am Bahnhof der Kleinstadt nun kurzfristig heißer Atommüll lagert oder nur ein paar Kaninchen träge über die Gleise hoppeln – die Nutztiere von Horst Seide lässt das völlig kalt (bei 35 Grad Betriebstemperatur).

Es ist schon eine Ironie: Keine 100 Meter von der Castor-Garage, wo in Kürze mal wieder der Teufel los sein wird, entsteht saubere, alternative Energie ohne Gift oder Radioaktivität.

Die Nutztiere des Energiebauern sind unsichtbar

Heimlich, still und leise brüten in drei haushohen Behältern, die von Weitem aussehen wie Öltanks, Billionen und Aber-Billionen von Bakterien.

Das sind die neuen Nutztiere des Landwirts Horst Seide. Sie produzieren unentwegt Biogas, Tag und Nacht.

Es wird nur gereinigt und dann an eine Tankstelle direkt nebenan weiter geleitet. Einen kürzeren Weg zum Verbraucher gibt es nicht.

Jedes Auto, das mit Erdgas fährt, kann auch Biogas tanken. Natur-Treibstoff, der sozusagen direkt vom Bauernhof kommt.

Und das Beste daran: Das eine ist so günstig wie das andere – derzeit um 1,00 Euro für das Kilogramm. Außerdem liefert ein Kilogramm Biogas für das Auto etwa so viel Energie wie eineinhalb Liter Normalbenzin.

Für Menschen sind die Fermenter absolut lebensgefährlich

Seide sieht die Bakterien nicht bei der Arbeit. Denn die verrichten sie im Dunkeln und völlig lautlos.

Selbst der Geruch, der dabei entsteht, ist vergleichsweise unauffällig: Es müffelt nur ein wenig süßlich nach Silage, also gärenden Maisschnitzeln. Typischer Bauernhof-Geruch eben.

Was genau in den Fermentern – so werden die Biogas-Produktionsbehälter genannt – geschieht, entzieht sich ohnehin jeglicher Sichtkontrolle: Zutritt absolut lebensgefährlich, denn Sauerstoff ist da drin Mangelware.

Den lebenden Gaskraftwerken aber behagt das. Dazu noch eine kuschelige Wohlfühl-Temperatur von 35 Grad, und los geht das große Fressen.

Selbst der Abfall der Gasproduktion lässt sich noch verwerten

Von einer Seite wird den winzigen Kraftstoff-Produzenten über ein dickes Rohr Nahrung zugeführt. Das ist gehäckselter Mais, der von anderen Landwirten angebaut und geliefert wird.

Die Tierchen sind genügsam: Zum Leben benötigen sie nur einen verschwindend geringen Teil der Biomasse. "Nebenbei pupsen sie das Biogas aus", erklärt Horst Seide.

Auch Abfälle einer Gewürzfabrik werden den mikroskopisch kleinen Feinschmeckern serviert. Dafür bezahlt Seide nichts, denn die Entsorgung würde seinen Lieferanten Geld kosten.

Selbst der Abfall taugt noch zu etwas: Haben die Mikroorganismen sich satt gegessen, entfernt Horst Seide den Rest aus dem dritten Fermenter und nutzt es als Düngemittel.

Auch der Landwirt fährt mit Biogas

Neben den Fermentern ragt aus einem Container ein wunderliches Gebilde von Rohrleitungen und Schornsteinen. In dieser Anlage wird das Naturprodukt gereinigt.

Erwünscht ist nur das reine Methan. Kohlendioxid und Spuren von anderem Gasen, zum Beispiel Schwefelwasserstoff, werden abgeschieden.

Wer jetzt jedoch glaubt, Seide braucht nur den Bakterien beim Pupsen zuhören, irrt: Die Anlage muss natürlich überwacht, gereinigt, repariert und entstört werden.

Doch heute läuft alles reibungslos. Seide schließt das Tor zu, wünscht den Bakterien gute Nacht, steigt ins Auto und fährt nach Hause. Natürlich mit Biogas.