mobile.de: Geländewagen-Wagnis

Traum-Tour im Offroader über die Seidenstraße

"Eisenschwein" galoppiert nach Osten

Wer einen Geländewagen hat, träumt von einer echten Safari. In Europa unmöglich, doch weiter im Osten Normalität: Dort ist nahezu jede Landstraße eine Offroad-Teststrecke.

21. Oktober 2011
 

Was hat der Weltreisende Marco Polo mit einem alten Nissan Patrol gemeinsam?

Die beiden sind Jan Engels treue Begleiter durch sein größtes Abenteuer: eine Expedition von Deutschland bis nach China.

"Marco Polo war der Held meiner Jugend. Ich habe immer davon geträumt, seine Route nachzureisen." Es dauerte knapp 30 Jahre, dann wurde der Traum wahr.

Mit besagtem klapprigen Nissan Patrol. Nein, nicht ganz: mit zwei klapprigen Nissan Patrol.

Das Abenteuer begann schon beim Zusammenbau

Denn für ein ganzes Expeditionsfahrzeug reichte das Budget nicht ganz aus: "Wir kauften einfach zwei schrottreife Nissan Patrol über mobile.de", sagt Engel.

2.000 Euro kostete das. Der Rest war Handarbeit: "Aus 2 mach 1." So ähnlich wie beim Deutschlandauto. Mit einer tatkräftigen Werkstatt in der Hinterhand gelang das Zauberkunststück.

Der Anlass für die Expedition: Engels Bruder arbeitete zwei Jahre für eine Hilfsorganisation in Murgab/Tadschikistan. Den wollte er besuchen. Dafür wollte er sich eine Auszeit vom Job nehmen.

Der Plan: Vier Monate Vorbereitungszeit für die Reise, zwei Monate auf Achse.

Das Urteil der skeptischen Freunde: "Leicht wahnsinnig"

Genau rechtzeitig für den Abenteurer, um ein halbes Jahr später einen neuen Job zu beginnen. Das Zeitfenster war geöffnet, jetzt musste er nur noch hindurchklettern.

Oder besser gesagt: hindurchfahren.

Insgesamt gut 12.000 Kilometer durch acht Länder. Doch das sagt sich einfach: Was für Straßen würde sie erwarten? Würde der Wagen durchhalten? Was für Formalitäten gab es zu bewältigen? Millionen Fragen und keine Antworten.

"Leicht wahnsinnig", urteilten die meisten Freunde Engels über das Husarenstückchen.

Ersatzteile wurden dem zweiten Nissan entnommen

Engel spricht keine Silbe Russisch. Sein bester Freund war auch nicht wesentlich wortgewandter.

Egal. "Mit einem breiten Lachen und freundlichem Wesen kommt man überall durch, ohne die Landessprache zu sprechen." Wer Engels offenes Gesicht sieht, glaubt ihm auf Anhieb.

2.500 Euro Reisebudget war da, Ersatzteile schraubten sich die beiden noch soweit es ging aus dem ausgeschlachteten Zweit-Nissan.

Wer die im Pannenfall installieren sollte, war auch nicht recht klar: "Ich kann gerade mal eine Zündkerze wechseln." Na dann mal los, im September.

Kasachische Schlaglöcher sind einmalig

Der Wagen – Spitzname "Eisenschwein" – erwies sich als Glücksfall: Er hielt sechs Wochen über staubige Pisten und steile Gebirgspässe klaglos durch.

"Ein super tapferes, ehrliches Auto. Er hat uns nie im Stich gelassen." Sogar die kasachischen Schlaglöcher beeindruckten den Patrol nicht.

Kasachische Schlaglöcher sind sozusagen die olympische Disziplin bei den Straßenschäden: "Die erreichen Reifentiefe".

Auch am "Eisenschwein" hinterließen sie Spuren: Durch die harten Schläge rissen irgendwann die Batterie-Halterungen. Die nun losen Batterien hüpften einige hundert Kilometer unbemerkt kreuz und quer durch den Motorraum und richteten Verwirrung an.

Irgendwann war der Stromkreislauf unterbrochen, die Abenteuerer mussten mitten in Kasachstan eine Werkstatt suchen.

Mit einem Paar Ski über den Pamir

Doch der Boxenstopp entpuppte sich als Glücksfall: Die Mechaniker empfingen die deutsche Laufkundschaft mit offenen Armen, eine Einladung der Familie rundete die Reparatur ab.

"Mein Trumpf waren aber nicht die fremden Kennzeichen oder unser Lächeln, sondern die Ski", sagt Engel. Er hatte sich ein paar Ski mitgenommen, um im Pamirgebirge Wintersport zu treiben.

Die hingen auf dem Dachgepäckträger, dieser Anblick öffnete ihm an vielen Grenzen die Herzen der Abfertigungsbeamten, die sicher noch lange über die seltsamen Expeditionsreisen gelacht haben mögen.

Vor jeder Stadt war Wagenwäsche angesagt

Und das waren viele: Praktisch alle 50 Kilometer hieß es "Stopp!" – am Checkpoint prüften Soldaten die Pässe, umrundeten mal mehr, mal weniger aufmerksam das Auto und fragten nach dem "woher, wohin".

"Das wurde dann in ein Schulheft eingetragen", sagt Engel. Die Prozedur könne erheblich beschleunigen, wer einen Kugelschreiber oder eine Sonnenbrille spende.

Zwischen diesen gesellschaftlichen Höhepunkten: fahren, fahren, fahren. Stundenlang durch die Wüste, über dramatische Gebirgszüge, wieder durch Steppe.

Vor jeder Stadt erneut Zwangspause: Wagen waschen. "Das war denen extrem wichtig: Ein verstaubtes Autos durfte nicht herein."

Schatten suchen unter Bucharas riesigen Moscheen

Durchschnittstempo: 70 km/h. Vorbei an seltsamen, hoch beladenen Fahrzeugen. Mitten in der Wüste stand ein Opel Ascona, davor die ratlosen Fahrer.

Der Ventilator für den Kühler hatte aufgegeben. Ein gefundenes Fressen für die Abenteurer: "Das haben wir mit ein paar Teilen vom Patrol wieder geflickt."

Ein weiterer Höhepunkt der Reise: Die Oase Buchara in der usbekischen Wüste. Uralte Moscheen spenden Schatten inmitten lebensfeindlicher Weite.

Und Engels ganze Sehnsucht: die Seidenstraße. Stadt-Legenden wie Samarkand oder Khiva oder das schon genannte Buchara. Eigentlich kannte er ja schon alles aus dem Buch. Nun sah er die Stationen Marco Polos mit eigenen Augen. "Das war ein Traum".

Auf den Spuren Alexander des Großen und Marco Polos durch die Wüste lernte er verstehen welche Bedeutung diese fruchtbaren Orte inmitten dieser Wüste für die Karavanen und Wanderer hatten und warum die Namen dieser Städte bis heute bei uns noch einen gewissen träumerischen Klang haben.

Das Ende ist schnell erzählt: Auf Ski 100 Meter über einen kümmerlichen Rest Pamir-Schnee (auf 5200m Höhe, dem höchsten zu überquerenden Pass). Das Wiedersehen mit dem Bruder. Und die Rückreise. Die ging allerdings nicht gut für "Eisenschwein" aus.

Auf der Rückreise überschlug sich "Eisenschwein"

Ein Großteil der Strecke war bereits erfolgreich absolviert, als sich der Nissan in der östlichen Türkei auf unwegsamer Strecke überschlug.

Totalschaden. Zum Glück war Engels Bruder – er selbst hatte den Rückweg per Flugzeug hinter sich gebracht – nichts passiert.

So endet die Geschichte vom Eisenschwein. Die Träume gehen weiter.