mobile.de: Wut am Steuer

Aggression am Steuer nervt alle. Was tun Sie dagegen?

Der Hass gibt Gas

Auto-Aggression: Täglich gehen Menschen im Straßenverkehr aufeinander los. Ein Personal Trainer erklärt, wo der grelle Hass her kommt – und wie Sie ihn bekämpfen, ohne zu kämpfen

27. April 2011

Eine ganz normale Polizeimeldung, nur ein paar Tage alt: Zwei Radfahrer fahren auf dem Zebrastreifen über die Straße. Das ärgert einen Golffahrer. Er verfolgt die beiden, versperrt ihnen den Weg, rammt schließlich einen der Radfahrer und prügelt auf ihn ein.

Das Opfer bleibt blutend liegen, der Täter rast davon. So kann Aggression im Straßenverkehr eskalieren. Doch wo kommt dieser Hass plötzlich her?

Der Personal Trainer Detlef Romeike aus Hamburg weiß es. Zehn Antworten zu Aggression am Steuer:

mobile.de: Wo kommt dieser Hass her?

ROMEIKE: Die Zündschnur ist einfach kürzer geworden. Das heißt: Es gibt nicht mehr aggressive Menschen als früher, nur hat einfach die Toleranz nachgelassen. Der Stress ist schuld daran. Gerade in modernen Industriestaaten sind die Menschen überreizt, leiden unter Zeitnot und ständigem Druck.

mobile.de: Wie vermeide ich Aggression am Steuer?

ROMEIKE: Das fängt schon mit Ernährung an: Nehmen Sie keine stark zuckerhaltigen Speisen und Getränke ein, die den Blutzuckerspiegel rapide hochtreiben – genauso schnell wird er auch wieder fallen, dann sind Sie extrem reizbar. Auch Kaffee, Tee und andere stimulierenden Dinge sollten Sie vermeiden.

mobile.de: Und beim Fahren?

ROMEIKE: Versuchen Sie, sich aktiv zu entspannen. Im Hier und Jetzt zu sein. Das funktioniert über die Atmung. Nicht an früher oder später denken, also nicht an Zuhause oder nachher im Büro. Das muss man natürlich üben.
Aber was Sie nicht üben brauchen: Stellen Sie Sitz und Lenkrad korrekt ein. Ein optimaler Sitz hilft ungemein, sich zu entspannen.

mobile.de: Ist es nicht ungesund, sich Ärger zu verkneifen?

ROMEIKE: Das Problem ist es, sich im Zustand des Ärgers noch voll zu kontrollieren. Natürlich gibt es Menschen, die können sich bewusst in eine Wut hineinsteigern und auch wieder herunterfahren. Aber das Risiko ist einfach groß, die Kontrolle über sich zu verlieren. Vor allem wissen Sie nicht, wie Ihre Wut auf andere wirkt – und die können Sie nur schwer herunterfahren.

mobile.de: Wie kriege ich mich wieder in den Griff?

ROMEIKE: Was gut funktioniert – und was zum Beispiel Polizisten und Personenschützer trainieren – ist, sich auf die Atmung zu konzentrieren. Bauchatmung. Wenn Sie das 1000 mal üben, entwickeln Sie irgendwann einen Trigger, ein Codewort für sich selbst: Sie sagen sich im Notfall das Codewort, und aktivieren damit das Programm. Ich habe Kunden, die stellen sich im Fall eine Farbe vor, die sie beruhigt.

mobile.de: Und wenn ich mir selbst eine Ohrfeige verpasse?

ROMEIKE: Auto-Aggression, also Aggression gegen sich selbst, mag zum Abreagieren in manchen Fällen funktionieren. Aber in solchen Situationen, zum Beispiel im Verkehr, rate ich grundsätzlich davon ab. Sie wissen einfach nie, wie ein solches Verhalten auf andere wirkt; ob es Ihr Gegenüber nicht sogar provoziert. Es bleibt ja Aggression, und die kann sehr schnell falsch verstanden werden.

mobile.de: In meinem eigenen Auto kann ich doch tun und lassen, was ich will?

ROMEIKE: detlef_romeike_portrait_192Richtig, das eigene Auto ist ein geschützter Raum. Gerade bei Männern greift da häufig das Territorialverhalten, sie verteidigen automatisch ihr Territorium. So entsteht schnell Stress, wenn ein Fremder zu nah an Ihrem Auto steht, Ihre Tür öffnen möchte etc. Dieses Zuhause-Gefühl können Sie an sich selbst beobachten und natürlich auch an der Kreuzung im Auto neben Ihnen: Im eigenen Auto verhält man sich ungehemmter, nimmt sich Dinge heraus, die man sich auf dem Bürgersteig vielleicht nicht gestatten würde.

mobile.de: Und beim Fahren ist man automatisch auch hemmungsloser?

ROMEIKE: Nicht unbedingt. Es gibt immer Typen, die grenzübergreifend tätig sind – bewusst oder unbewusst. Wichtig für Sie, dass Sie rechtzeitg merken, ob hier ein Aggressor unterwegs ist. Das merken Sie schon im Ansatz: Jemand, der mit hochrotem Kopf hinterm Steuer sitzt, wild gestikuliert, hektisch beschleunigt und abbremst, dicht auffährt, unerwartet und jäh ausschert oder sich 'reindrängelt – so jemand ist ein potenzieller Grenzgänger, den Sie am besten passieren lassen. Dann haben Sie Ihre Ruhe.

mobile.de: Und wenn's zur Konfrontation kommt?

ROMEIKE: Dann ist es vor allem wichtig, Distanz zu wahren. Kommen Sie dem anderen nicht zu nahe, höchstens auf eine Armlänge. Berühren Sie ihn nicht, erhalten Sie stets diese Sicherheitsdistanz, wenn er sich nähert. Sprechen Sie ruhig, langsam, mit möglichst tiefer Stimme. Und vermeiden Sie plötzliche Bewegungen, vor allem mit Armen und Händen. Wer sich sehr gut beherrscht, kann jetzt noch versuchen, die empatische Ebene herzustellen. Aber das verlangt schon ziemlich gute Selbstkontrolle.

mobile.de: Muss man sich wirklich alles bieten lassen?

ROMEIKE: Nein, natürlich nicht. Aber lohnt es sich, für eine Pöbelei seine Gesundheit zu riskieren? Der andere meint Sie ja gar nicht persönlich. Wenn jemand sich aggressiv und gefährlich verhält, notieren Sie sich das Kennzeichen und gehen Sie zur Polizei. Das ist viel besser, als in eine unkontrollierbare Situation zu geraten.

mobile.de: Wir danken für das Gespräch!