mobile.de: Autodiebstahl - Interview

Interview: Vor Auto-Kriminalität schützen

Das tut Autodieben richtig weh

Er schaute in die dunklen Seelen der Autoknacker: Ein Psychologe hat in Gesprächen mit Kriminellen herausgefunden, was sie wirklich vor dem Autoklau zurückschrecken lässt.

Autos sind begehrt. Auch bei Kriminellen. Im Jahr 2009 registrierte die Polizei 40.400 Autos, die gestohlen wurden. Viele davon verschwanden auf Nimmerwiedersehen.

Weitaus höher ist die Zahl der aufgebrochenen Fahrzeuge: 219.097 mal geschah das im vorvergangenen Jahr. Was können Autobesitzer dagegen tun? Der Psychologe Sven Tuchscheerer hatte eine Idee: Einfach mal die Experten fragen. Im Rahmen seiner Doktor-Arbeit führte er Interviews mit Kriminellen.

mobile.de: Wo haben Sie mit den Autoknackern gesprochen?

TUCHSCHEERER: Ich habe sie in Haftanstalten ausfindig gemacht und besucht. Das war ein ungeheurer Aufwand, weil Sie für ein solches Projekt die Unterstützung der Justizministerien und des Anstaltspersonals benötigen. Ein Jahr hat es gedauert, mit 18 Personen habe ich gesprochen.

mobile.de: Und wie haben Sie die Leute herumgekriegt?

Sven TuchscheererTUCHSCHEERER: Das war eigentlich kein Problem. Alle, die ich angefragt hatte, wollten auch mit mir sprechen. Das liegt daran, dass sich die Häftlinge Vorteile ausrechnen, wenn sie kooperativ sind. Da ist auch etwas dran: Wer ein solches Interview mitmacht, zeigt ja zumindest, dass er bereit ist, über seine Straftaten zu reflektieren. Das wird natürlich auch in der Haftakte vermerkt.

mobile.de: Ließ sich verhindern, dass man Ihnen Märchen erzählt?

TUCHSCHEERER: Da hat man als Psychologe natürlich seine Fragetechniken. Außerdem konnte ich stichprobenartig die Aussagen mit den Sachverhalten in der Haftakte überprüfen. In der Tat haben auch einige ihre Phantasie spielen lassen, diese Interviews konnte ich nicht in die Wertung aufnehmen. Natürlich versuchen die Straftäter stets, den Interviewer zu manipulieren, also zum Beispiel ihn auf ihre Seite zu ziehen. Am Ende blieben elf Personen übrig.

mobile.de: Was sind das für Menschen?

TUCHSCHEERER: Ehrlich: Da tun sich Abgründe auf. Zum Beispiel saßen zwei Täter in einer Kneipe, das Geld war alle. Um weitertrinken zu können, überfielen sie einen Taxifahrer. Von der ersten Idee bis zur Durchführung der Tat vergingen lediglich 30 Minuten. Ein Raub mit allen Konsequenzen für das bisschen Geld, was sich im Portemonnaie des Taxifahrer befand! Das sind die so genannten Laientäter. Doch auch die Profis rechnen kaum damit, geschnappt zu werden.

mobile.de: Das kann sich doch nicht lohnen.

TUCHSCHEERER: Genau – ein Krimineller, der das Risiko richtig einschätzt, hat sozusagen seinen Job verfehlt. Sie müssen das Risiko unterschätzen, sonst machen sie sowas nicht. Und genau darin liegt auch das Dilemma im Verhältnis zwischen Autobesitzern und Straftätern: Völlig unterschiedliche Einschätzung der Gefahren.
Letztendlich sind Autos gewissermaßen schutzlose, große Werte: Nachts ein Auto an der Straße parken ist ja annähernd so, wie wenn eine Frau nachts ihre Handtasche vor die Tür stellt. Eigentlich kann ja jeder ran.

mobile.de: Dann ist gegen diese Kriminalität kein Kraut gewachsen?

TUCHSCHEERER: Doch. Aber meine Untersuchung hat gezeigt, dass viele Abschreckungsmittel wie Lenkradschloss, Wegfahrsperren und GPS-Sender nichts nützen, weil sie den Gewinn des Täters nicht schmälern. Er muss sie überwinden, um den Wagen entwenden und anschließend verkaufen oder zerlegen zu können. Und das ist für Profis meist kein Problem mehr.

mobile.de: Wie wäre es mit härteren Strafen?

TUCHSCHEERER: Das gehört zum Thema Risikoeinschätzung. Auch das Strafmaß wurde von allen befragten Häftlingen unterschätzt. Oder sich machen sich darüber keine Gedanken, vor allem bei den Ersttaten.

mobile.de: Was könnte dann helfen?

TUCHSCHEERER: Die bekannten Systeme sind vor allem auf Prävention gerichtet. Hat der Täter die Tür geöffnet, steht seinem Taterfolg im Prinzip nichts mehr im Weg. Profis sind heutzutage überwiegend auf die Elektronik aus, die sie ausbauen und weiterverkaufen. Die präventiven Systeme, das haben einige Probanden berichtet, empfinden sie als "wenig wirksam" oder höchstens "lästig". Aber wenn man nun umschwenkt: Wenn durch den Einbruch der Wert des Fahrzeugs reduziert wird, würde sich irgendwann für den Täter der Einbruch nicht mehr lohnen.

mobile.de: Indem es sich selbst zerstört?

TUCHSCHEERER: Nicht ganz. Aber wenn es bis zu einem gewissen Grad unbrauchbar würde. Die Fahrzeugelektronik könnte die Benutzung durch einen Fremden registrieren und daraufhin zahlreiche unterschiedliche Komponenten unbrauchbar machen. Im Sommer könnten die Klimaanlage und die Fensterheber deaktiviert und zugleich die Sitzheizung auf volle Leistung gestellt werden. Im Winter hingegen würden alle Scheiben geöffnet, die Heizung deaktiviert und die Klimaanlage eingeschaltet.

mobile.de: Der Täter könnte diese Defekte wieder reparieren.

TUCHSCHEERER: In modernen Autos sitzen über 100 elektronische Steuergeräte – wenn der Täter die alle austauschen will, ist er ziemlich lange beschäftigt. Das meine ich mit Wertverlust. Technische Maßnahmen gegen Autodiebe können auch deswegen überwunden werden, weil sie zentral an wenige Geräte gebunden sind. Doch die Komfortfunktionen sind dezentral. Es schreckt mehr ab, wenn viele einzelne Funktionen deaktiviert sind, weil die wieder einzeln freigeschaltet werden müssen.

mobile.de: Was könnte noch helfen?

TUCHSCHEERER: Gefürchtet werden vor allem repressive Systeme, die zur Identifizierung der Täter führen, zum Beispiel Kameras. Und nachgerüstete Systeme sind immer besser als werksseitig eingebaute, weil die Täter sich dann nicht sicher sein können, ob da nicht noch irgendetwas versteckt ist. Grundsätzlich kann man sagen: Es wird nie das eine System geben, das alle Kriminalität beendet. Es ist immer die Summer aus möglichst vielen einzelnen Teilen.

mobile.de: Wir danken für das Gespräch!