Auffangnetz mit doppeltem Boden

Im Sommer 2010 ging ein holländischer Autoversicherer Pleite – mit einem Schlag verloren 50.000 Kunden ihre Verträge und den Versicherungsschutz. Was ist in einem solchen Extremfall zu tun?

Verunsicherung statt Versicherung: Ende Juli 2010 krachte es gewaltig – aber nicht auf der Straße, sondern im holländischen Versicherungskonzern International Insurance Corporation (IIC). Das Unternehmen war zahlungsunfähig geworden. Für etwa 50.000 deutsche Kunden der beiden IIC-Autoversicherungen "Ineas" und "LadycarOnline" war das ein böses Erwachen: Der Insolvenzverwalter kündigte sämtliche laufenden Verträge zum 31. August. Doch es lag auf der Hand, dass Neuschäden bis zum Vertragsende wohlmöglich nicht mehr aus der Konkursmasse beglichen werden konnten. Was war nun zu tun? Bei Verbraucherzentralen und bei anderen Versicherungsgesellschaften häuften sich besorgte Anfragen: "Darf ich mein Auto nun nicht mehr benutzen?" oder "Wer zahlt bei einem Kasko-Schaden?"

Bei Pleite springt die Verkehrsopferhilfe ein

In den meisten Fällen konnten die besorgten Versicherungskunden beruhigt werden: Selbst wenn eine Autoversicherung unverzüglich zahlungsunfähig würde, stände kein Kunde schutzlos da – zumindest, was die Haftpflichtversicherung anbetrifft. Denn hier springt in Deutschland automatisch die Verkehrsopferhilfe (VOH) in die Lücke. Diese Organisation ist ein Verein, den die deutschen Kfz-Haftpflichtversicherer gemeinsam führen. Seit mehr als 50 Jahren leistet die Verkehrsopferhilfe uneigennützig Entschädigungszahlungen, wenn ein Vertragspartner ausfällt.

Bis zu 2500 Euro Selbstbeteiligung möglich

Ursprünglich war das auf Opfer von Unfallflucht beschränkt, bei denen sich der Verursacher nicht ermitteln ließ. Später wurde die Zuständigkeit erweitert; auf genau solche Fälle wie die IIC-Insolvenz. Nachteil: Die VOH ist rein subsidiär zuständig, wird also nur nachrangig in Aktion treten. Erst muss der Geschädigte versuchen, vom Unfallgegner die Entschädigung zu erhalten – bis zur Klage, Lohnpfändung etc. Schnelles Geld gibt es also über die VOH nicht. Überdies haftet die Verkehrsopferhilfe nicht grenzenlos: Bis zu 2500 Euro Selbstbeteiligung können grundsätzlich vom Geschädigten gefordert werden. Doch im Fall IIC wären die Autofahrer nicht darauf sitzen geblieben: Die VOH hätte den Selbstbehalt vom Rechtsnachfolger der IIC, dem niederländischen Garantiefonds, zurückerhalten.

Aber schlechter: Für Kaskoversicherungen gibt es gar keinen Fallschirm: Hier springt kein Rettungs-Fonds in die Bresche.

Kasko fällt komplett aus

Doch was auf den ersten Blick dramatisch erscheint, ließ sich tatsächlich leicht und ohne viel Aufwand lösen: Neuverträge bei gesunden Versicherungsunternehmen sind schließlich jederzeit verfügbar. Auch die bereits bezahlten Beiträge für September mussten die insolvente IIC bzw. deren Rechtsnachfolger zurückerstatten, denn dazu verpflichtet sie das Gesetz. Doch die Versicherungskunden hatten noch einen weiteren Trumpf auf der Hand: das Sonderkündigungsrecht. Nach deutschem Recht darf der Versicherungsnehmer fristlos kündigen, sofern sich die finanzielle Lage der Versicherung erheblich verschlechtert hat. Das war im Fall IIC der Fall. Die Kündigung ist auch sinnvoll, um bereits bezahlte Beiträge für die letzten Monate des Jahres 2010 zurück zu erhalten: Sie müssen im Rahmen des Insolvenzverfahrens in den Niederlanden eingefordert werden.

Kann der Fall Ineas wieder passieren?

Zur Beruhigung aller Kunden sei gesagt: Es ist in Deutschland seit Gründung der Verkehrsopferhilfe 1963 noch nie vorgekommen, dass ein Versicherer zahlungsunfähig wurde. Und auch der Pleitefall Ineas ist vermutlich eine Ausnahme. Um bei Schwierigkeiten Rechtssicherheit zu haben, empfiehlt sich der Abschluss bei einem Unternehmen, das in Deutschland zugelassen ist. Die untergegangene International Insurance Corporation hatte keine deutsche Zulassung, sondern unterlag der niederländischen Bankenaufsicht. Das heißt: Bei Streitigkeiten müssen Sprachschwierigkeiten und im Klagefall lange Anfahrten in Kauf genommen werden. Lohnt das eine Tarifersparnis von ein paar Euro? Vermutlich nicht. Daher empfiehlt es sich, nur Versicherungen mit Unternehmen abzuschließen, die eine Zulassung in Deutschland haben und der deutschen Versicherungsaufsicht durch die BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) unterliegen.