Mein Auto fährt auch ohne mich

Die Zukunft wird (noch) sicherer: Bald fahren Autos ganz von allein. Was macht der Mensch? Einfach einsteigen, zurücklehnen und dem Robot-Chauffeur beim Lenken zuschauen.

Eine echte Geisterfahrt: Dieser kleine Bus schnürt ganz auf eigene Faust quer durch Europa. Das Lenkrad des italienischen Kleintransporters vom Typ Piaggio Porter dreht sich wie von selbst, während der Mann auf dem Fahrersitz einen Kaffee eingießt. Er könnte auch aufstehen und auf einem der Rücksitze ein Schläfchen machen – der kleine Bus würde tapfer weiter seinen Weg allein durch den Straßendschungel suchen. Das Roboter-Auto ist vollgestopft mit Elektronik. Auf seinem Dach hängen an einem Gepäckträger zahlreiche Videokameras, die den gesamten Raum um das Fahrzeug beobachten und ständig Messwerte an den Großrechner an Bord durchgeben. Der steuert wiederum über Elektromotoren Lenkung, Gaspedal und Bremse. Das Experiment der Universität Parma startete Ende Juli 2010, inzwischen hat der putzige Phantom-Bus schon das russische Kiew erreicht. "Die Zukunft wird fahrerlos sein", glaubt Alberto Broggi vom Projektteam. Schon heute steuern Computer Erntemaschinen und Gabelstapler; das autonome Auto wird noch etwas auf sich warten lassen.

Spurhalteassistent greift selbstständig ins Lenkrad

Wollen wir das? Fahrspaß einerseits und der Komfort eines elektronischen Chauffeurs andererseits müssen einander ja nicht ausschließen: In Zukunft wird es den Selbstfahrer per Knopfdruck geben – wer auf der Autobahn lieber Zeitung lesen möchte, schaltet auf Auto-Pilot um und lässt Robbie ran. So funktionieren im Prinzip schon heute alle Assistenten: Wer auf seine Mündigkeit pocht, kann dem Computer das Wort verbieten. Spurhilfe-Assistent, Müdigkeits-Warner und Nachtsichtgerät lassen sich deaktivieren – aber wozu? Sie sind nützlich und überfordern auch die Aufmerksamkeit des Fahrers nicht. Einen weiteren, großen Schritt hin zum elektronischen Auto-Piloten hat jetzt Mercedes auf den Markt gebracht: Der Spurwechselassistent greift in der S-Klasse nun auch eigenmächtig ins Lenkrad, wenn Überholen verboten ist oder wenn Gefahr droht – zum Beispiel durch ein anderes Auto im toten Winkel, mit dem man kollidieren könnte.

Assistenten bisher immer noch abschaltbar

Und das funktioniert so: Ist der Spurwechsel nicht ratsam, warnt der Assistent durch Summton und leichtes Vibrieren des Lenkrads. Ignoriert der Mensch diese Signale, bremst die Elektronik über ESP einseitig und steuert das Auto damit in die Gegenrichtung des Lenkeinschlags, zugleich wird die Geschwindigkeit leicht herabgesetzt. Zugleich wacht die Kamera in der Front darüber, dass die Rettung nicht in eine Katastrophe umschlägt, etwa weil die rechte Spur blockiert ist. Bisher war dieser technische Fortschritt ausschließlich Fahrern der Oberklasse vorbehalten. Doch "schon in naher Zukunft werden wir weitere Modellreihen damit ausrüsten", sagt Jörg Breuer, Leiter Entwicklung bei Mercedes. Das entspricht auch aller Lebenserfahrung: Jede Auto-Innovation wie etwa ABS oder Airbag wurde anfangs in hochwertigen Autos eingeführt, später folgte die kostengünstige Verbreitung in der Breite.

VW-Projekt: Der Rechner steuert permanent mit

Und das wird allen neuen Assistenten ebenso gehen. Zum Beispiel solchen Systemen, die schwächere Verkehrsteilnehmer schützen: Unter dem Kürzel "SFR" arbeitet Volkswagen an einem "System Fußgänger- und Radfahrerschutz". Es ähnelt dem, das von Volvo bereits in einer Baureihe serienmäßig anbietet: Kameras überwachen ringsum das Fahrzeug und registrieren Menschen, die eventuell in seine Bahn geraten könnten. Droht eine Kollision, wird das Fahrzeug automatisch abgebremst. Neu ist, dass der Computer wie beim Spurhalteassistent bald auch hier ins Lenkrad greift und notfalls sogar ohne den Fahrer eine Kursänderung durchführt. Eine weitere Stufe ist die "integrierte Querführung": Dann ist der Rechner nicht nur im Notfall, sondern permanent präsent und lenkt immer mit. Das hilft zum Beispiel nachts und bei unbekannten Strecken: Eine enge, unübersichtliche Kurve "kennt" der Rechner schon, weil er mit Hilfe von GPS und digitalen Landkarten Einblick in die Strecke hat und "weiß", welche Lenkbewegungen zum sicheren Durchfahren führen.

Ampeln lernen sprechen

Schon heute lässt Mercedes neue Sicherheitsinnovationen an Bord von robotergesteuerten Autos prüfen. Grund: Um bei Versuchsreihen allgemeingültige Aussagen treffen zu können, müssen identische Handlungsmuster vorliegen. Ein menschlicher Testfahrer könnte nicht mechanisch 1000mal ein- und dieselbe Tätigkeit ausüben. Umgekehrt lernen auch nicht-menschliche Verkehrsteilnehmer, sich untereinander Gehör zu verschaffen: Das Verkehrsprojekt "Travolution" von Audi bringt Autos und Ampeln miteinander in Kontakt: In Ingolstadt sind 25 Lichtzeichenanlagen mit Rechner und Funk ausgestattet. Nähert sich eines der ihrerseits mit Empfängern präparierten Autos, erhält der Fahrer Infos ins Display – die Ampel meldet zum Beispiel, wann sie auf "Grün" umspringt. Umgekehrt warnt eine Ampel, bevor sie "Rot" wird. Im Auto löst das einen Summton aus, bei Nichtbeachtung bremst das Fahrzeug sanft ab. Neben dem Sicherheitsgewinn verspricht sich Audi eine Kraftstoffersparnis von bis zu 15 Prozent in Städten.

Autos tauschen Daten aus

Aber nicht nur fest verwurzelte Verkehrszeichen lernen sprechen: Auch untereinander verbreiten Autos bald unhörbar Informationen. Car2Car-(Auto-zu-Auto)Kommunikation wird dieser Nachrichten-Austausch via WLAN und UMTS genannt. Schon heute sammeln Autos ständig Daten wie eigene Geschwindigkeit, Verhältnis von Beschleunigung und Verzögerung (Stop and Go) oder längerer Halt (Stau). Werden diese Informationen aufbereitet und im näheren Umfeld gestreut, können daraus wertvolle Sicherheits-Tipps für den nachfolgenden Verkehr werden. Autos warnen Autos vor Glatteis, Staus oder Gefahrenherden wie etwa ungesicherten Unfallstellen. Kreuzungen oder mehrspurige Straßen werden sicherer, wenn die Fahrzeuge sich gegenseitig "im Auge" behalten. Außerdem sind massive Energieeinsparungen möglich, weil das Tempo rechtzeitig reduziert wird, unnötiges Bremsen oder Beschleunigen vermieden und bei längerem Halt der Motor gezielt ausgeschaltet werden kann.

Und das alles in nie gekannter Prozessgeschwindigkeit: Denn die Computer kommunizieren auf Augenhöhe – es leuchtet ein, dass der Mensch sich aus diesem blitzschnellen Datenaustausch und ebensolchen Handlungen besser heraushält. Daraus folgt: Die Interaktion der Verkehrsteilnehmer wird in Zukunft ohne uns stattfinden. Aber das hat ja auch sein Gutes: Wir können uns entspannen – und haben mehr Zeit für wirklich wichtige Dinge.

Zurück in die Gegenwart: Kommt es zum Unfall, ist noch heute – wie vor 1000 Jahren –  Geistesgegenwart gefragt. Neuerdings gibt es für diese stressige Situation einen kleinen Helfer im Handy:

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