Ein Auto und seine Geschichte

Bitter Vero: Einer von Zehn

Hinter den 1,4 Millionen Inseraten bei mobile.de stecken zahllose Geschichten und Anekdoten. Viele dieser Auto-Geschichten sind einen Klick wert. Zum Beispiel diese hier.

Ein Mann, ein Auto: Erich Bitter war es vergönnt, Autos auf seinen Namen zu taufen. Zeitweilig rühmte sich der berühmte Rennfahrer, Deutschland achtgrößter Autohersteller zu sein. Das stimmt – allerdings auch der Titel "kleinster Autohersteller". Wer einen Bitter fährt, ist Individualist bis auf die Knochen. Denn die Erzeugnisse, die stets auf Opel-Produkten aufbauen, sind selten wie Blaue Mauritius. So wie der Bitter Vero, eine wuchtige Limousine: Davon wurden nur zehn Stück gebaut, heute existieren noch neun.

Fernab von Science-Fiction und Heldenepos lebt ein Mann den Mythos High-Tech-Auto vor. Und in dessen Welt, worüber viele (hauptsächlich Frauen) nur verständnislos mit dem Kopf schütteln können, schlägt das Herz vieler kindgebliebener Sandkastenracer plötzlich höher. Erich Bitter reibt sich am Massenmarkt gleichförmiger 0815-Autos. Als Freund des Besonderen treibt ihn daher seit jeher der Wunsch nach einzigartiger Charakteristik um. Der jung gebliebene Rennfahrer und legendäre Autobauer (Jahrgang 1934) hat seine Geschäftsräume in Ennepetal. Eine der vielen bemerkenswerten Kreationen des Multitalents ist der Bitter Vero.

Anfänge als Radrennfahrer

Erich Bitter ist ein universell interessierter Macher aus dem Bergischen Land. In der Jugend erzielte er zunächst Erfolge als Rennradfahrer, dann merkte der Spross, dessen Eltern eine Fahrradhandlung führten, dass sich der Spaß ohne Motor nicht gänzlich entfaltet. So gründete er 1960 einen Handel mit importierten Zwei- und Vierrädern (z.B. NSU, Volvo, Saab, Abarth), später zog es ihn dann in Richtung Design und Produktion eigener Produkte. Der Erfolg auf der Piste macht ihn bekannt: Für Carlo Abarth und andere fuhr er meistens ganz vorn –  Langstreckenrennen wie die Targa Florio und auch auf dem Nürburgring.

In den 60er Jahren produzierte Bitter unter anderem Tuningteile für Porsche und vertrieb eine eigene Kollektion an Rennfahrerschutzbekleidung. 1971 gründete er die Bitter GmbH & Co. KG mit einem bis heute verfolgten, klaren Konzept: Bitter verschönerte biedere Serienwagen der Marke Opel mit einer eleganten Coupe-Karosserie italienischen Designs sowie luxuriöser Innenausstattung und erschuf so ein exklusives Unikat, modifiziert mit teilweise mehr Leistung und individualistischen Kleinserienansprüchen. Zielgruppe: vornehmlich jene unerwachsenen Männer.

Ein andersdenkender Individualist, der im Automarkt der 70er und 80er Jahre erfrischend heraus stach. Bitter baut bis heute solche Autos. Seine erste Erfolge, der CD und der SC, brachten ihm wahren Mythos unter den Fans ein.

Nach 20 Jahren Abstinenz grandiose Rückkehr nach Genf

Ende der 80er wurde es zwar ruhig um Erich Bitter, er verlegte sich jedoch nur auf weniger öffentlichkeitswirksame Tätigkeiten. Während er seine Leidenschaft für den Marathonlauf und seine malerische Kreativität entdeckte, produzierte er mit einem eigenen Team Prototypen für VW. Nach einem fast 20-jährigen Brainstorming, kehrte der nimmersatte Grandseigneur schließlich 2007 auf das viel beachtete Genfer Parkett zurück – im beachtlichen Alter von 74 Jahren.

Der in Luxus und Details verliebte Bitter stellte dort auf dem jährlichen Autosalon unter dem Namen Bitter Vero einen optisch und technisch dezent modifizierten, luxuriös ausgestatteten australischen Holden Caprice (Luxusvariante des Holden Statesman Deville) vor. Fahrwerk und Auspuff wurden den sportlichen Anforderungen des Sechsliter-Chevi-V8-Motors (alltagsgeprüft in der Corvette) angepasst. Dieser grummelt gierig mit seinen 278 kW (378 PS) freien deutschen Autobahnen ohne Tempolimit entgegen.

Wie ein hungriger Löwe krallt der massiv wirkende Korpus seine 20-Zöller in das Gestein, um im Falle gewünschter Spontan-Beschleunigung die heckgetriebene Gewalt von 530 Newtonmetern (bei 4400/ Min) auf den gerade einmal knapp zwei Tonnen leichten Komfortsportler einwirken zu lassen – limitiert auf konservative 250 km/h.

Einzelkämpfer mit Sechsgang-Automatik

Das Höchsttempo ist in diesem Segment jedoch zweitrangig, denn das Einzelkämpfer-Label bietet eine zumindest interessante Alternative zu Oberklasselimousinen der dominanten Marken. So heißt es denn auch eher cruisen statt rasen, unterstützt von einer feinstufigen Sechsgang-Automatik und umhüllt von sinnlicher Extravaganz. Und so wundert es keineswegs, dass dieses Raubtier im rundum edlen Abendgewand daher kommt.

Das erschließt sich dem Interessenten über alle Sinnesorganen, wenn er das handschuhlederne Interieur genussvoll streift, oder den Klang des Bose-Soundsystems über das DVD-Entertainment-System mit Bildschirmen in den Rückseiten der Kopfsstützen genießt. Auch sonst bietet der Bitter Vero alles Erdenkliche an Nützlichem, Komfortablem und überhaupt Machbarem.

Seien es die 10-fach elektrisch verstellbaren Sitze oder die 3-Zonen Klimaautomatik – eine Aufpreisliste gibt es erst gar nicht, was den Begriff all inklusive neu definiert. Auf Wunsch natürlich alles individualisiert – ebenfalls ohne Aufpreis. Und wer den dafür angemessenen Listenpreis von knapp 122.000 € gerade nicht mal eben so erübrigen kann, für den haben wir hier ein echtes Bitter Vero Schnäppchen im Sortiment.

Verbrauch Bitter: Bis zu 18 Liter auf 100 Kilometer

Auch wenn der Wagen vielleicht nicht ganz zeitgemäß ist, niemand ist bekanntlich perfekt.

Und wer nach dem Besonderen sucht, den schrecken vermutlich auch die typische amerikanische Lenkung und das subideale Chevrolet-Servicenetz nicht ab.

Was nicht weiter überrascht: Natürlich verlangt ein solch farbenfroher Wonnegarten für Autoenthusiasten auch nach einer angemessenen Bewässerung: Ca. 15-18 Liter Liter pro 100 km versickern in diesem kleinen Fleckchen Paradies im Betriebsdurchschnitt.