Ein Auto und seine Geschichte

Das Auto ohne Alter

Hinter den 1,4 Millionen Inseraten bei mobile.de stecken zahllose Geschichten und Anekdoten. Viele dieser Auto-Geschichten sind einen Klick wert. Zum Beispiel diese hier.

Alte Autos üben eine hohe Faszination aus. Wo ein Oldtimer knatternd um die Ecke biegt, folgen ihm fast alle Blicke. Diesem Auto werden bestimmt ebenfalls alle Herzen zufliegen: Ein Bentley Le Mans Eight von 1931. Ein fünf Meter langer Lindwurm in British Racing Green. Unter handgedengelten Kotflügeln ragen nicht enden wollende Speichenräder hervor, 21 Zoll hoch und aufregend schlank. Rechts und links vom Lamellenkühler je ein riesiges rundes Leucht-Auge, auf Hochglanz poliert. Gran Turismo in seiner Urform. Dieses Monstrum haben einst ganze Kerle mit aller zur Verfügung stehenden Kraft um die Kurven gezwungen. Exakt dieses? Nicht ganz: Der Bentley Le Mans Eight, der zurzeit bei mobile.de zum Verkauf steht, hat gerade erst 300 Kilometer auf dem Tachometer.

Kann ein Oldtimer nagelneu sein?

Wie kann das sein? Ein Auto von 1931, das gerade einmal die Strecke von Hamburg nach Berlin zurücklegte – das sind 3,75 Kilometer pro Jahr. Die Verwirrung kann aber noch gesteigert werden: Das Chassis des bollernden Boliden stammt von 1951. Wie alt ist dieser Oldtimer nun wirklich? "Das Auto ist drei Jahre alt", sagt der Anbieter, ein Klassiker-Händler aus Andernach am Rhein. Ein drei Jahre alter Oldtimer von 1931 mit einem Chassis von 1951; das klingt ungefähr so überzeugend wie ein zweijähriger Abiturient mit Doktortitel... Und doch stimmen die Angaben zum Bentley Le Mans Eight – naja, fast: Das Auto gibt es tatsächlich erst seit drei Jahren. Doch es hat eine original Bentley-Fahrgestellnummer und ist penibel nach den alten Bauanleitungen von 1931 konstruiert – inklusive wuchtiger Trommelbremsen. Auch das Jahr 1951 ist korrekt: Das Chassis, traditionell die Basis eines jeden Autos bis zur Entwicklung der selbsttragenden Karosserie, stammt von einem damals gefertigten Bentley Mark VI und wurde "zurückgebaut" auf die Maße des Vorkriegs-Sportwagens.

Der Bentley ist komplett in Handarbeit entstanden

Klarer Fall, werden jetzt viele denken, es handelt sich bei dem Auto "nur" um eine Replika. Doch auch diese Schlussfolgerung wäre vorschnell: Repliken sind moderne Autos, die historischen Vorbildern optisch oberflächlich gleichen – mehr aber auch nicht. So hat sich ein ganzer Cluster von Firmen um den legendären britischen Sportwagen AC Cobra aus den 60er-Jahren gebildet, die den Zweisitzer auf Bestellung nachbauen. Gern auch mit MP3-Anschluss, rosa Lederpolstern und versilbertem Becherhalter. Da vom authentischen Cobra-Roadster nur wenige hundert Exemplare gebaut wurden, geht die Zahl der Originale inzwischen im Heer der Kopien unter. Den Unterschied macht unter anderem der Preis: Eine "echte" Cobra mit allen Macken der damaligen Bauweise kostet mindestens eine Viertelmillion Euro, ein "Kit" zum Selbstbau ist schon für weniger als ein Zehntel zu haben. Wer einen fährt, genießt die Segnungen des modernen Automobilbaus inklusive ultraleichter Kunststoff-Karosserie, Sicherheitszelle und ABS. Für die Puristen von "Vintageracinggreen" ist das kalter Kaffee: Sie bauen den Bentley Le Mans Eight nach Originalplänen und weitgehend mit Teilen, die nach diesen Plänen gefertigt werden. "Das Auto ist komplett Handarbeit", sagt der Verkäufer. Und auf dem Stand der Vorkriegs-Technik. Eben exakt Anno 1931, als der "Eight" den Höhepunkt der Leistungen W.O. Bentleys darstellte.

Racing Green hat 30 Jahre Erfahrung mit Oldtimern

Die Manufaktur in Wales hat sich einen Namen mit der Restaurierung von edlen Erzeugnissen von Rolls-Royce, Jaguar und Aston Martin gemacht. Seit über 30 Jahren sind sie bereits in dieser Branche tätig. Den Höhepunkt des Schaffens von Racing Green Engeneering stellt der Bau von historischen Fahrzeugen dar, den die Firmeninhaber selbst "Rekreation" nennen. Also ein dritter Weg zwischen Neubau und Kopie. Nach alten Plänen, mit alten Werkzeugen und alten Materialien wird ein altes Auto auf die Räder gestellt, das so auch vor 80 Jahren gebaut worden wäre. Mit kleinen Abstrichen: Die Maschine ist zwar wie beim Original ein Achtzylinder-Reihenmotor mit monströsen 5,75 Litern Hubraum, wurde aber mit einer modifizierten Vergaserbatterie ausgestattet. Zudem gibt es eine moderne Zündanlage inklusive Lichtmaschine, die aber unter einem historisch korrekten Chromkasten versteckt ist. Die elektrische Anlage basiert auf zwölf Volt (damals waren es sechs Volt ohne Lichtmaschine!), überdies sind in die altmodischen freistehenden Rundscheinwerfer taghelle Halogen-Glühlampen eingebaut. Die Ventilsitze sind gehärtet, folglich verträgt der Motor auch bleifreies Superbenzin. Doch ansonsten ist der Bentley alles andere als gezähmt: Der R8 mit etwa 165 PS beschleunigt das nur 1,7 Tonnen schwere Auto auf mehr als 180 km/h. In Kombination mit den schon erwähnten Trommelbremsen und blattgefederten Hinterachsen ist das wirklich ein Ausflug in die Kindertage des Automobilbaus – und kann bei unsachgemäßer Bedienung auch schnell ein Ausflug in den Straßengraben werden.

Handling wie ein Vierspänner, Verbrauch wie ein Panzer

"Man muss beim Schnellfahren unbedingt Abstand halten", rät der Verkäufer. Es gibt weder Bremskraftverstärker noch Lenkhilfe, von ABS oder ESP ganz zu schweigen. Der erste von vier Gängen ist unsynchronisiert, muss also mit Gefühl eingelegt werden. Auch ansonsten fährt sich der Bentley eher ungewohnt: Handling wie ein Vierspänner, Wendekreis wie ein Lkw, Verbrauch wie ein Panzer – wer so ein Auto nutzt, tut es wie die Herrenfahrer des Empire der 30er: Mit Lederhandschuhen, roher Kraft und zum puren Vergnügen. Dass es auch wirklich ein Bentley ist und keine verwässerte "Soße nach Art...", verdankt Racing Green dem toleranten Verwalter der Bentley-Hinterlassenschaft: Hüter der glorreichen Historie ist nämlich der Bentley Drivers Club – die Marke selbst wurde 1998 vom VW-Konzern gekauft. Der Club führt das Register aller Bentleys bis Übernahme weiter, in das auch die rekreierten Autos mit Hilfe eines kleinen Tricks aufgenommen werden: Das Chassis von 1951 besitzt eine solche Registernummer. Das "rettet" den Titel und erlaubt Racing Green, seine Produkte mit Bentley-Logo zu garnieren. Wer jetzt befürchtet, die Manufaktur überschwemmt den Markt mit Nachbauten, sei beruhigt: Fünf Jahre basteln die Gentlemen in Wales an einem Le Mans Eight, die Lieferzeit beträgt derzeit knapp zehn Jahre... Damit ist die Arbeit der ehrenwerten Stellmacher, Dreher und Blechschmiede folglich eher dem Kunsthandwerk zuzuordnen. Und das erklärt auch den aufgerufenen Preis für diesen alten und zugleich neuen Oldtimer.

 

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