Ein Auto und seine Geschichte

Die Motorkutsche

Hinter den 1,4 Millionen Inseraten bei mobile.de stecken zahllose Geschichten und Anekdoten. Viele dieser Auto-Geschichten sind einen Klick wert. Zum Beispiel diese hier.

Was versteht man unter einem alten Auto? Das Durchschnittsalter aller deutschen Autos beträgt derzeit knapp acht Jahre. Ist ein zehn Jahre altes Auto also alt? Wohl kaum; denn heute sind bei guter Pflege 20 Jahre Haltbarkeit kein Problem. Ab 30 Jahren Lebensalter des Autos kann der Besitzer dann ein Oldtimer-Kennzeichen beantragen – gewissermaßen die offizielle Bescheinigung, dass das Auto alt ist. Aber wirklich alt ist ein 30 Jahre alter Klassiker auch nicht: Dieses Auto, zurzeit ältestes Fahrzeug bei mobile.de, wurde 1897 gebaut – es ist also 113 Jahre alt! Das Modell "Vis-à-Vis" vom französischen Hersteller Malicet & Blin war wie alle Autos dieser frühen Jahre seiner Zeit weit voraus: Straßen nach unserem Verständnis gab es damals kaum, und Vehikel wie dieses hätten auch wenig Kapital daraus schlagen können: Die ersten Autos waren gerade mal in der Lage, mit Pferdekutschen Schritt zu halten...

Vier PS aus 1,4 Liter Hubraum

Dennoch besitzt diese klobige Konstruktion im Prinzip dasselbe Innenleben, das auch heute noch die meisten Autos zum Laufen bringt: Ein Benzinmotor treibt die Hinterachse an, die Lenkung erfolgt über die Vorderachse. Der Hubraum hat die Ausmaße heutiger Kleinwagenmotoren: 1,4 Liter. Allerdings nicht verteilt auf vier Zylinder, sondern in einem einzigen konzentriert. Dieser entwickelt bei 800 Umdrehungen ganze vier PS. Zum Vergleich: Heutzutage mobilisiert ein ähnlich großer Motor mühelos 80 PS und mehr. Angesichts der für heutige Verhältnisse geringen Leistung überrascht die Geschwindigkeit: Bis zu 30 km/h schnell konnte dieses Ur-Auto dahinrasen. Es handelt sich tatsächlich um einen Rennwagen, der bereits eine Gangschaltung mit zwei Gängen besitzt.

Nach Angaben des Eigentümers, der das Auto jetzt verkaufen will, wurde es eigens für Wettbewerbe konstruiert. Es soll sogar beim London-Brighton-Run gestartet sein. Diese Wettfahrt fand erstmals kurz vor der Jahrhundertwende statt und ist eins der ersten Autorennen überhaupt. Es wird noch heute jeden Herbst mit historischen Fahrzeugen veranstaltet. Das Ur-Rennen wurde 1896 ausgetragen, um das Ende des "Locomotive Act" zu feiern.

Feierlich die rote Flagge entzweigerissen

Ein Gesetz, das jahrzehntelang die Eigentümer von Kraftfahrzeugen auf den Britischen Inseln düpiert hatte: Es verhängte ein Tempolimit von vier Meilen pro Stunde (etwa 6,5 km/h) und verlangte obendrein, dass jedem Auto tagsüber ein Fußgänger mit einer roten Fahne 20 Meter vorauslaufen musste, um vor der Annäherung des gefährlichen Fahrzeugs zu warnen.

Verständlich, dass die technikbegeisterten Automobilisten die Abschaffung des Gesetzes als Befreiung empfanden. Vor dem Start zerriss der Hauptinitiator, der steinreiche Murray Edward Gordon Finch-Hatton Lord Winchilsea und Earl of Nottingham vor den versammelten Teilnehmern feierlich eine rote Flagge, dann ging es in schwindelerregender Geschwindigkeit auf die Fahrt: Das Tempolimit lag nun bei 14 Meilen (22,5 km/h), so dass die 96 Kilometer lange Strecke von der Hauptstadt bis zum Seebad theoretisch in wenigen Stunden hätte bewältigt werden können. Doch praktisch hielten nur 14 der mehr als 30 startenden Automobile die harten Belastungen durch. Von einem Teilnehmer wird sogar berichtet, dass er sein Fahrzeug auf die Bahn verlud, anschließend mit Dreck "tarnte" und rechtzeitig zur Siegerehrung die Veranstaltung ansteuerte. Eine Rennstrecke gab es natürlich nicht, man fuhr einfach auf der Landstraße A23 Richtung Küste. Begleitet wurde die Kavalkade übrigens von zahlreichen Radfahrern, die dem Konvoi offenbar mühelos folgen konnten. Heute lebt das Rennen als London Brighton Veteran Car Run weiter und ist mit jährlich mehr als 100 Teilnehmern aus ganz Europa eine der spektakulärsten Oldtimer-Veranstaltungen der Gegenwart.

Malicet & Blin war wichtiger Zulieferer

Der Hersteller des angebotetenen Autos, Malicet & Blin; ist bereits Geschichte. Doch das Unternehmen spielt in der Pionierzeit des Automobils eine wichtige Rolle: Die Firma in Aubervilliers nahe Paris war ein bedeutender Zulieferer für die junge Autoindustrie. 1890 hatten Paul Malicet und Eugène Blin vereinbart, gemeinsam Fahrzeugteile zu bauen. Ihr Markenzeichen war seitdem auf Fahrgestellen, Achsen, Getriebegehäusen und Steuerwellen zu finden. So baute auch die berühmte Firma Delâge ihre hochwertigen Autos auf Chassis von Malicet & Blin. Der Zulieferer bot auch Motoren an, die andere Betriebe hergestellt hatten. Zwischen 1908 und 1912 wurden sogar komplette Lastwagen verkauft.
Die nachweisbar im Hause von M&B hergestellten Personenwagen lassen sich an einer Hand abzählen. Zu diesen seltenen Erzeugnissen soll auch das angebotene "Vis-à-Vis" gehören. Der Name rührt daher, dass sich Fahrer und Passagiere während der Fahrt gegenübersitzen. Auch der Rest des Autos verweist recht deutlich auf die Abstammung: es ähnelt sehr einem Fuhrwerk, nur die Deichsel fehlt. Selbst die Beleuchtungseinrichtungen sind nahezu identisch mit den Laternen, die damals an Pferdedroschken hingen. Kein Wunder, dass die ersten Autos "Motorkutschen" genannt wurden.

Diese hier ist nach Angaben des Verkäufers fahrbereit. Sie könnte im Prinzip als Auto zugelassen werden – zwar fehlt nahezu alles, was ein Auto heute verkehrssicher macht; doch da zum Zeitpunkt der ersten Zulassung im Jahr 1897 weder Sicherheitsgurte noch Windschutzscheibe bekannt waren, hat keine Verkehrsbehörde der Welt das Recht, sie nachträglich zu verlangen. Natürlich kann niemandem ernsthaft geraten werden, sich mit dem Erzeugnis von Malicet & Blin in den Straßenverkehr von heute zu begeben. Und wenn, dann sollte man vielleicht auf das Hilfsmittel des "Locomotive Act" zurückgreifen und einen Fußgänger mit roter Flagge vorauslaufen lassen. Im Interesse des Autos und seiner Insassen.

 

Die Inseratsliste

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