Ein Auto und seine Geschichte

Der Uralt-Käfer

Hinter den 1,4 Millionen Inseraten bei mobile.de stecken zahllose Geschichten und Anekdoten. Viele dieser Auto-Geschichten sind einen Klick wert. Zum Beispiel diese hier.

Wenn Autos reden könnten: Was würde dieser Käfer-Opa wohl erzählen? Obwohl der kleine Krabbler noch recht proper aussieht, hat er sage und schreibe 64 Jahre auf dem runden Buckel. Bei mobile.de steht er nun zum Verkauf – wir haben uns das bemerkenswerte Auto genauer angeschaut. Denn es ist kein stinknormaler Käfer, sondern hat seine eigene Geschichte. Ungewöhnlich ist vor allem das Baujahr 1946. Ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs lag Deutschland am Boden. Das Volkswagenwerk in Wolfsburg, vor dem Krieg die größte Autofabrik der Welt, war durch Bombardements beschädigt. Von Hand räumten VW-Arbeiter damals den Schutt aus den zerbombten Montagehallen; doch an eine Großserienfertigung des späteren Massenautos war damals nicht zu denken: 1946 verließen monatlich gerade einmal 1000 Fahrzeuge des ersten Volkswagens die Fabrik.

Käfer gab es nur auf Karte

Aber wer konnte sich zu diesen Zeiten einen Neuwagen leisten? Fast niemand – ohnehin bestimmten andere über die Geschicke der Deutschen: Das besiegte Land war in vier Zonen aufgeteilt, in jeder hatte eine der vier Siegermächte das Sagen. Für das VW-Werk waren die Briten zuständig. Und die erlaubten den Kauf von Volkswagen nur Landärzten und anderen Menschen, die ein Auto für dringend notwendige Versorgungsaufgaben benötigten. Einen Käfer gab es – wie Lebensmittel und Kleidung – nur mit Bezugsschein. Auch Treibstoff und Ersatzteile wurden streng rationiert; zu knapp waren die Ressourcen. Von dieser Zwangsbewirtschaftung war nur eine Gruppe ausgenommen. Die britische Besatzungsarmee versorgte nämlich in erster Linie ihre Truppen aus dem VW-Werk mit Dienstwagen. Die ersten Käfer, die nach dem Krieg aus der Fabrik rollten, waren also olivgrün lackiert und transportierten englische Soldaten auf Streifenfahrt durch das Land. So ein Army-Bug soll auch das angebotene Auto gewesen sein.

Fahrzeugbrief des Oldtimers wurde gestohlen

Die Plattform ist nach Angaben des Besitzers sogar noch älter: Sie soll 1940 gebaut worden sein. In der offiziellen Volkswagen-Chronik steht, dass die ersten Autos nach dem Krieg in Handarbeit entstanden, indem Rohkarossen auf noch vorhandene Fahrgestelle des Wehrmachts-VW Kübelwagen montiert wurden. Ein solches Auto könnte der angebotene Käfer sein. Sein letzter Besitzer war ein VW-Händler, der ihn in den 60er-Jahren in der Lehrlingswerkstatt restaurieren ließ. Fast 40 Jahre lang stand der Wagen als Ausstellungsstück in dem Autohaus. Unglücklicherweise wurde dort vor einigen Jahren eingebrochen. Dabei verschwand auch der Fahrzeugbrief des Oldtimers, bestätigt ein Mitarbeiter des damaligen Besitzers. So bleiben wesentliche Details über die Herkunft des kleinen Krabblers wohl für immer im Dunkeln.

Dass das Fahrzeug aus der frühen Nachkriegszeit stammt, ist leicht erkennbar: Der Wagen hat keine Blinker, sondern noch die archaischen Winker links und rechts an der B-Säule, die eine Fahrtrichtungsanzeige durch Ausklappen signalisieren. Erst ab 1960 schrieb die Straßenverkehrsordnung Blinker vor. Das Heckfenster ist noch zweigeteilt, weil in den Anfangsjahren gewölbtes Glas zu teuer war. Dieser Mittelsteg entfiel ab 1953. Auch der Tankstutzen im Kofferraum deutet auf einen älteren Jahrgang hin – hier und im Motorraum ist die olivgrüne Tarnfarbe der Erstlackierung übrigens noch vorhanden, was die Angaben des Anbieters bestätigt.

Kein Auto, sondern eine Antiquität?

So ging es weiter mit Volkswagen: Schon 1948 mit der Währungsreform konnte jeder den Typ 1 kaufen. Der Siegeszug des Käfers um die Welt begann. Innerhalb kürzester Zeit wurde der erste Volkswagen das meistverbreitete Auto auf deutschen Straßen, auch im Ausland überzeugte das robuste Auto mit seiner einfachen Technik schnell die Menschen. Am 17. Februar 1972 verließ der Käfer mit der Baunummer 15.007.032 das Band in Wolfsburg: Weltrekord! Damit war das erste VW-Modell der meistgebaute Pkw aller Zeiten, das berühmte Modell T von Ford war überholt. Bis in die späten 60er-Jahre mobilisierte der Käfer die Massen. Doch erwies sich seine Technik (Heckantrieb mit luftgekühltem Boxermotor) schließlich als überholt, die Verkaufszahlen sanken. Gerade rechtzeitig konnte VW einen Nachfolger anbieten: den VW Golf. Der Käfer wurde zwar noch bis 2003 gebaut – doch nun ist das Auto, das lange Deutschlands Volks-Fortbewegungsmittel Nr. 1 war, auf den Straßen selten geworden. Sollte der angebotene Käfer von 1946 echt sein, wäre er einer der ältesten, die noch existieren. Ob das den exorbitanten Preis rechtfertigt? "Das Auto gibt es nicht noch einmal", gibt sich der Anbieter von seinem hohen Wert überzeugt. Ist der kleine Käfer also nicht als Gebrauchtwagen, sondern als Antiquität anzusehen? Das mag jeder selbst entscheiden.